Tollwut

Autor: Birte Sänger, Sonntag, 09. Februar 2014

 

Tollwut in Deutschland


Die Tollwut ist eine tödliche zoonotische Krankheit, die von negativen RNA-Einzelstrang-Viren verursacht wird. Diese Viren gehören zur Gattung der Lyssaviren, der Familie Rhabdovoirdae und der Ordnung Mononegavirales. Die Tollwut wird in der Regel durch einen Biss eines infizierten Tieres übertragen. Die durch den prototypischen, klassischen Tollwut-Virus (RABV) verursachte Tollwut kann auf der ganzen Welt gefunden werden (Ausnahme: Antarktis und Australien). Wirte dieser Krankheit sind Säugetiere der Ordnung Carnivora und Chiroptera. Als Hauptreservoir-Wirt gilt der Fuchs, der die Krankheit innerhalb weniger Jahrzehnte über den ganzen Kontinent verbreitet hatte. (Müller et al. 2012).


Es können zwei epidemiologische Tollwut Formen unterschieden werden:

  • Hunde-vermittelte und
  • Wildtier-vermittelte Form 


Die Hundevermittelte Form bewirkt die höchste Belastung für die Gesundheit von Mensch und Tier weltweit. Sie ist für die meisten Erkrankungen und Todesfälle beim Menschen (55 000 Tollwutfälle jährlich) verantwortlich. Die Wildtier-vermittelte Form stellt vorwiegend auf der Nordhalbkugel ein Problem dar. (Müller et al. 2012).


In Deutschland war Tollwut seit Jahrhunderten vorhanden und versursachte eine ernste Bedrohung für die menschliche Gesundheit. Aus dem Jahre 1800 und den frühen 1800er Jahren wurde im Süden Deutschlands von großen Tollwut-Ausbrüchen in Wölfen und Füchsen berichtet. Mit steigender Urbanisierung wurde die Hunde-vermittelte Form zu einem immer größer werdenden Problem. In Folge von Meldungen/Mitteilungen von Tollwut und die strikte Umsetzung von Hygienemaßnahmen wurde die Verordnung über die Abwehr und Ablehnung von Tierkrankheiten festgelegt. Dies führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem virtuellen Verschwinden der Hunde-vermittelten Form in Deutschland (mit Ausnahme von Grenzgebieten zu den Nachbarländern in dieser Zeit). 1939 galt Deutschland als Tollwut-frei, jedoch verbreitete die Krankheit sich schnell nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde ein zunehmendes Problem. Den Höhepunkt erreichte die Krankheit im Jahr 1877 und 1983 mit 10 634 und 10 484 Tollwutfällen in wildlebenden und domestizierten Tieren (Müller et al. 2012).


In Europa wird die Fuchstollwut mit einer oralen Immunisierung (OIF) bekämpft. Seid dem Jahr 2008 gilt Deutschland offiziell als Tollwut-frei. 25 Jahre nach dem Beginn wurde die OIF eingestellt. Der lange Weg zur Tollwutfreiheit hat auch Rückschläge aufzuweisen. Von 10484 Tollwutfällen im Jahr 1983 (erster Feldversuch) sank die Anzahl kontinuierlich bis auf drei Fälle im Jahr 2006. Der letzte Fall wurde bei einem Fuchs in der Nähe von der Stadt Mainz (Rheinland Pfalz) diagnostiziert. Die Bekämpfung der Tollwut verursachte Kosten von ungefähr 100 Millionen Euro, von denen ungefähr 37 Millionen Euro von der EU rückerstattet wurden. Die Aufrechterhaltung des Tollwut-freien Status beinhaltet Maßnahmen zur Verhinderung der Wiedereinschleppung aus endemischen Ländern (Müller et al. 2012).


Wohingegen Deutschland seit einigen Jahren als Tollwut-frei gilt, ist die Erkrankung vor allem in Indien, China und Osteuropa immer noch eine Bedrohung für die Bevölkerung. Am 28. September ist der Welt- Tollwut-Tag, der an die fast vergessene Erkrankung erinnern soll (Glatz 2011).

 

Fledermaus-Tollwut

 

Obwohl Deutschland seit dem Jahr 2008 als Tollwut-frei gilt wird die Erkrankung bei Fledermäusen durch EBLV 1 (European bat lyssavirus) und EBLV 2 der Gattung der Lyssaviren verursacht. Tollwut in europäischen Fledermäusen wurde erstmals im Jahre 1954 in Hamburg nachgewiesen. Nach dem Jahr 1985 stieg die Anzahl der Tollwutfälle dramatisch an. Zu diesem Zeitpunkt wurde von ersten Tollwutfällen in Dänemark und von einer menschlichen Erkrankung durch Fledermaus-Tollwut in Europa berichtet. Zwischen 1986 und 1987 erreichte die Anzahl der tollwütigen Fledermäuse mit 142 Fällen den Höhepunkt in Europa (hauptsächlich aus Dänemark, den Niederlanden und Norddeutschland). In Übereinstimmung mit Dänemark und den Niederlanden berichtete Deutschland eine der höchsten Anzahl (n= 187) an Tollwutfällen (EBLV) von Fledermäusen in Europa. Die Breitflügelfledermaus (Eptesicus serotinus) ist die am häufigsten infizierte Fledermausart. Zudem wurden Tollwutfälle für die Arten Teichfledermaus (Myotis dasycneme), Großes Mausohr (Myotis myotis), Wasserfledermaus (Myotis daubentonii), Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus), Großer Abendsegler (Nyctalus noctula), Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii) und Braunes Langohr (Plecotus auritus) nachgewiesen (Müller et al. 2007).

 

Potenzielle Reservoir-Arten der Tollwut

 

In Folge der erfolgreichen Einführung im Jahre 1934 (in Hessen) sind Waschbären in fast ganz Deutschland zu finden. Obwohl die Art in den USA als eine bekannte Reservoir-Art für Tollwut bekannt ist, wurden während der letzten europäischen Fuchstollwut-Seuche nur wenige infizierte Waschbären aus Deutschland gemeldet. In den letzten Jahren ist die Waschbärenpopulation besonders in (semi-) urbanen Gebieten stark angestiegen. Gegenwärtig gilt Deutschland frei von Tollwut. Nach Vos et al. (2013) sind Waschbären stark anfällig für Tollwut-Viren von Hunden. Ein potentielles Risiko besteht in der Übertragung durch importierte und Tollwut-infizierte Haustiere, wie Hunde, die in Kontakt mit anderen Menschen, Haustieren und anderen Tieren (z.B. Waschbär) gelangen. Die hohe Populationsdichte des Waschbären kann zu einer schnellen Übertragung und Ausbreitung der Tollwut führen (Vos et al. 2013). Nach Michel & Köhnemann (2008) spielt der Waschbär als Überträger der Krankheit bislang kaum eine Rolle. Neben dem Waschbären gilt in Europa auch der Marderhund (Nyctereutes procyonoides) als möglicher Wirt dieser Krankheit (Vos  et al. 2013).


Quellen:


  • Glatz, U. (2011). Rabies – in Germany still transmitted by bats. Deutsche Medizinische Wochenschrift, 136(38), 28-30.
  • Müller, T., Johnson, N., Freuling, C. M., Fooks, A. R., Sellhorst, T. & Vos, A. (2007). Epidemiology of bat rabies in Germany. Archives of Virology, 152, 273-288.
  • Müller, T., Bätza, H.-J., Freuling, C., Kliemt, A., Kliemt, J., Heuser, R., Schlüter, H., Selhorst, T., Vos, A., Mettenleiter, T. C. (2012). Elimination of terrestrial rabies in Germany using oral vaccination of foxes. Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift, 125(5/6), 178-190.
  • Vos, A., Nolden, T., Habla, C., Finke, S., Freuling, C. M., Teifke, J., Müller, T. (2013). Racoons (Procyon lotor) in Germany as potential reservoir species for Lyssaviruses. European Journal of Wildlife Research, 59, 637-643.

 

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